Safety II
Prozesse verstehen und verbessern
Safety II erweitert den klassischen Sicherheitsansatz (Safety I), indem es sich nicht nur auf Fehler und Unfälle fokussiert, sondern auf das, was täglich gut funktioniert. Der Grundgedanke:
Sicherheit entsteht nicht nur dadurch, dass wir Fehler vermeiden, sondern indem wir verstehen, warum Piloten, Crews und Organisationen trotz variabler Bedingungen zuverlässig sicher handeln.
Safety II konzentriert sich auf Erfolgsfaktoren, nicht nur auf Defizite
- Es fragt: „Warum laufen Flüge sicher ab?“
- Es stärkt Resilienz, Anpassungsfähigkeit und bewusstes Entscheiden
- Ergänzt Safety I, ersetzt es aber nicht
- Fördert eine Kultur, in der alle aktiv zum sicheren Fliegen beitragen
➜ Ergebnis für den Nutzer: Ein proaktiver, moderner Sicherheitsansatz, der in der General Aviation unmittelbar anwendbar ist.
Erweiterung des Fokus:
Die Abbildung verdeutlicht den paradigmatischen Übergang von Safety I zu Safety II innerhalb der Normalverteilung von Ereignissen. Während die klassische Safety I Perspektive ihren Fokus fast ausschliesslich auf das linke Ende des Spektrums (seltene Fehler, Unfälle und Katastrophen) beschränkt, weitet Safety II den Betrachtungswinkel auf die gesamte Kurve aus. Im Zentrum stehen die alltäglichen Handlungen und Arbeitsabläufe, die unter variablen Bedingungen die überwiegende Mehrheit der Ergebnisse ausmachen. Anstatt Sicherheit lediglich als Abwesenheit von Negativereignissen zu definieren, analysiert Safety II die notwendige Flexibilität und Resilienz im System, die das Gelingen der täglichen Arbeit erst ermöglichen.

Quelle: Hollnagel, From Safety-I to Safety-II, 2015
Wie kann Safety II gelebt werden?
Safety II im Cockpit
1. Variationen erkennen und früh reagieren
- Wetter, Performance, Workload aktiv überwachen
- Kleine Abweichungen ernst nehmen → früh korrigieren
- Ständiges „Ahead of the Aircraft“-Denken
2. Eigene Best Practices bewusst machen
- Nach jedem Flug: Was hat heute gut funktioniert und warum?
- Welche kleinen Anpassungen haben Sicherheit ermöglicht?
- Teile das in der Crew oder im Verein.
3. Sicherheit aktiv gestalten
- Workload bewusst reduzieren (z. B. durch klare Priorisierung: Aviate–Navigate–Communicate)
- Risiken frühzeitig entlasten (z. B. Go-Around, Altitude Change, Alternate wählen)
Safety II im Verein / in der Organisation
1. Erfolgserlebnisse teilen (nicht nur Fehler)
- „What went well“-Runde nach Flügen
- Positive Safety-Stories sammeln
- Gute Entscheidungen loben statt nur Fehler benennen
2. Austauschräume schaffen
- kurze Debriefing-Kultur, z. B. 5-Minuten-Debrief an der Kaffeemaschine
- informelle Safety Chats
- saisonale Safety-Talks (Winter, Sommer, Alpen, Thermik)
3. Lernen ermöglichen statt Schuld zu suchen
- Atmosphäre schaffen, in der Piloten offen sprechen
- Fokus auf Verbesserung, nicht auf Sanktion
Wie setzt man Safety II praktisch um?
5 praktische Grundprinzipien nach Hollnagel: Whitepaper From Safety-I to Safety-I (zum Whitepaper)
- Look for what goes right: Nicht nur Vorfälle analysieren, auch erfolgreiche Flüge, gute Entscheidungen, gelungene Anpassungen.
- Focus on frequent events: Nicht nur schweren Fällen nachlaufen, von Alltagsvariationen lernen.
- Remain sensitive to the possibility of failure: Vorsicht: Safety II ist nicht „rosarot“, sondern verlangt Wachsamkeit für Entwicklungen, die Erfolg gefährden.
- Be thorough as well as efficient: Zeit für Reflexion, Austausch, Lernprozesse.
- See investments in safety as productivity investments: Sicherheit = Effizienzsteigerung in komplexen Systemen wie z.B. in Vereinen und Flugschulen.
Weitere Ressourcen
ICAO Annex 19, EASA: https://ffac.ch/wp-content/uploads/2026/03/ICAO-Annex-19-Safety-Management.pdf
ICAO Safety Management Guidance Material: https://www.icao.int/safety-management
Eurocontrol from Safety I to Safety II: https://ffac.ch/wp-content/uploads/2026/03/From-Safety-I-to-Safety-II-Eurocontrol.pdf